Die Polder

Alte OderarmeUm den Großschifffahrtsweg Berlin - Stettin (Szczecin) ganzjährig für größere Frachtschiffe befahrbar zu halten, den Ertrag der Landwirtschaft im Odertal selbst und die Vorflut für das weiter südlich gelegene Oderbruch zu verbessern, wurde Anfang des 20. Jahrhunderts das bis dahin von Menschen noch weitgehend unverbaute Odertal nach holländischen Plänen umgestaltet. Mehrere Nass- und Trockenpolder entstanden.

Die Trockenpolder, beispielsweise der Friedrichsthaler Polder (5/6) (650 Hektar) oder der Lunow Stolper Polder (1.680 ha) sind sogenannte Trockenpolder, das heißt sie werden durch Deiche ganzjährig von Überflutungen geschützt und können auch ganzjährig landwirtschaftlich genutzt werden. Die sogenannten Nass- oder Überflutungspolder, beispielsweise der Criewener Polder (A) (1.644 ha), der Schwedter Polder (B) (1.303 ha) oder der Fiddichower Polder (10) (1.773 ha) sind nur im Sommerhalbjahr durch sogenannte Sommerdeiche von Überflutungen geschützt, im Winterhalbjahr, ab Oktober, werden die Einlassbauwerke geöffnet, und das dann häufig steigende Oderwasser kann in die Polder strömen und durch Auslassbauwerke bei niedrigem Wasserstand auch wieder nach Norden hinaus fließen. Ab dem 15. April eines jeden Jahres werden auf Weisung der zuständigen Nationalparkverwaltung zunächst die Einlassbauwerke und, nach Abströmen des Wasser entsprechend dem natürlichen Gefälle, auch die Auslassbauwerke geschlossen und das im Polder immer noch verbliebene Wasser nach Schließen der Bauwerke kosten- und energieaufwendig abgepumpt. Ab 2015 verzichtet der Leiter der Nationalparkverwaltung nach langjährigem Drängen des Nationalparkvereins, der praktisch alleiniger Besitzer der landwirtschaftlichen Nutzflächen im Fiddichower Polder (10) ist, wenigstens dort auf das Abpumpen. Ein erster Erfolg.

Entsprechend einer vom Land Brandenburg selbst in Auftrag gegebenen wasserwirtschaftlichen Machbarkeitsstudie fordert der Verein aber darüber hinaus, dass im Fiddichower Polder (10) auch die Ein- und Auslassbauwerke ganzjährig offen bleiben, damit sich dort der Wasserstand auf wenigstens halbwegs natürliche Weise dem der Oder anpassen kann. Auch im Criewener und Schwedter Nasspolder (A/B) müssen die Ein- und Auslassbauwerke wenigstens bis zum 31. Mai eines jeden Jahres offen bleiben, möglichst natürlich länger, um natürliche Wasserverhältnisse zu ermöglichen.

Der Nationalparkverein setzt sich auch sehr dafür ein, dass auf polnischer Seite der Gartzer Polder und der Schillersdorfer Polder als Herzstück des grenzüberschreitenden Internationalparks Unteres Odertal ungenutzt und durch ganzjährig offene Tore kontinuierlich mit dem Wasserstand der Ost- und Westoder verbunden bleiben. Die von polnischer Seite geplante Wiederinbetriebnahme der technischen Bauwerke, die damit verbundene Wasserstandsregulierungsmöglichkeit und die daraus folgend zu erwartende landwirtschaftliche Nutzung des Gebietes wird vom Nationalparkverein und seinen Naturschutzpartnern auf polnischer Seite abgelehnt.

Historische Wasserwirtschaft Wasserbauwerk

Noch bis Anfang dieses Jahrhunderts konnte die Oder im unteren Odertal weitgehend ungehindert mäandern. Wie so oft zeigte sich auch an der Oder die Notwendigkeit, nach wasserbaulichen Eingriffen in einen Strom diese bis zur Mündung fortzusetzen. Die Trockenlegung des Oderbruches im 18. Jahrhundert machte wasserbauliche Maßnahmen im unteren Odertal erforderlich, um die sehr wenig Gefälle aufweisende untere Oder als Vorfluter nutzen zu können und den Rückstau zum Schutze des Oderbruches immer weiter nach Norden zu verlagern. Wegen des geringen Gefälles kann sich das Wasser im unteren Odertal bei starkem Nordwind stauen. Auflandige Winde erhöhen den Ostseespiegel bei Swinemünde (Swinoujscie) und veranlassen durch Rückstrom eine Auffüllung des Haffs und des Dammschen Sees. Ablandige Winde haben den gegenteiligen Einfluss.

Ursprünglich teilte sich die Oder nördlich Oderbergs in zwei Hauptarme, von welchen der größere, Oder genannt, am westlichen Talrand über Lunow, Stolpe und Criewen bis Schwedt lief, während der zweite Hauptarm, die Meglitze, am östlichen Höhenrande über Hohenwutzen, Zehden (Cedynia), Bellinchen (Bielinek) und Peetzig (Piasek) nach Niedersaaten (Zatoñ Dolny) führte. Unterhalb von Schwedt und von Niedersaaten veränderten und verästelten sich die beiden Hauptarme. Nördlich von Gartz und von Greifenhagen (Gryfino) waren wieder zwei Hauptarme zu erkennen, von denen die Oder am Westrande über Gartz und Stettin (Szczecin) in das Papenwasser führte, die Reglitz am Ostrande in den Dammschen See einmündete. Beide Hauptarme waren durch zahlreiche Zwischenarme miteinander verbunden.

Ziel der wasserbaulichen Maßnahmen vom 19. zum 20. Jahrhundert war nun die Herstellung und Instandhaltung eines tiefen, leistungsfähigen Stromschlauches bis in das natürliche Aufnahmebecken, den Dammschen See. Damit sollte der Schifffahrtsweg vertieft, verkürzt, begradigt und jederzeit befahrbar gemacht werden. Darüber hinaus sollten Sandablagerungen verhindert, der Abfluss des Hochwassers beschleunigt und die Vorflut für das Oderbruch verbessert werden. Nicht zuletzt auf ausdrücklichen Wunsch der Wiesenbesitzer, die auf die reichlich Düngung mit sich führenden Winterhochwässer nicht verzichten wollten, sollte das Gebiet von Winterhochwässern uneingeschränkt überflutet werden können.

Zur Realisierung des Großschifffahrtsweges Berlin – Stettin, also für eine kontinuierliche Nutzung durch Schiffe mit einer Tragfähigkeit von 600 t, und als Vorfluter des Oderbruches wurde die Hohensaaten-Friedrichsthaler-Wasserstraße geschaffen, die südlich von Schwedt das alte Oderbett nutzte, während nördlich von Schwedt ein Kanaldurchstich erforderlich war. Die Ostoder, also die ehemalige Meglitze und heutige Stromoder, sollte als Hauptstrom die aus dem Oderlaufe kommenden Wassermengen und die Schwebstoffe auf dem schnellstmöglichen Weg in den Dammschen See führen. Die Sommerdeiche westlich der Ostoder sollten dazu dienen, das Wasser aus dem Oberlauf in geschlossenem Querschnitt bis zu einer Wasserführung von 1.600 m³/sec. zusammenzuhalten. Erst bei einer größeren Wasserführung sollte eine Überflutung des Poldergebietes eintreten. Sobald der Wasserstand an der Ostoder zurückging, sollte eine schnelle Abtrocknung des Poldergebietes zu der tiefergelegenen Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße und zur Westoder hin erfolgen. Um unabhängig vom wechselnden Wasserstand der Oder einen ganzjährig befahrbaren Großschifffahrtsweg und eine gesicherte Vorflutung des Oderbruches zu gewährleisten, wurde die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße durch ein Wehr bei Hohensaaten und eine Schleuse an der Schwedter Querfahrt von der zum Hauptstrom ausgebauten Ostoder abgekoppelt. Sie ist lediglich nach Norden zur Westoder offen, die aber über das Marienhofer Wehr bei Fiddichow (Widuchowa) ebenfalls vom Wasserlauf der Ostoder abgetrennt wurde. Über dieses Wehr können aber bis zu 650 m³/sec. in die Westoder geleitet werden, sobald die Ostoder eine Gesamtabführmenge von 1.600 m³/sec. erreicht hat. Am Hohensaatener Wehr können bis zu 20 m³/sec. aus der Stromoder in die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße eingeleitet werden, um den Wasserstand zu regulieren.

Zwischen der Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße und der Stromoder im Süden und der Ost- und der Westoder im Norden wurde ein von Holländern geplantes Poldersystem eingerichtet. Während der südliche Trockenpolder bei Lunow und Stolpe durch Deiche ganzjährig vor einer Überflutung geschützt wird, verfügt der nördlich anschließende Nasspolder im östlichen Sommerdeich, im westlichen Winterdeich und in den Deichen zur Schwedter Querfahrt über zahlreiche Einlass- und Auslassbauwerke, die als  Siele und Schleusen ausgebaut sind. Auf deutscher Seite werden die Nasspolder (5.400 ha) im Winter über Einlassbauwerke im Sommerdeich von Norden beginnend zwischen dem 15. November und dem 15. Dezember eines jeden Jahres geflutet. Im Zeitraum vom 15. März bis zum 15. April werden die Deichtore wieder geschlossen, das Wasser fließt entsprechend dem Gefälle in die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße, in die Schwedter Querfahrt und in die Westoder, oder es wird mit Hilfe der Schöpfwerke abgepumpt, um die Polder frühzeitig landwirtschaftlich nutzen zu können. Sommerhochwasser, die ebenfalls zu einer Flutung führen, treten nur selten auf, in der Regel einmal im Jahrzehnt. Der Sommerdeich westlich der Stromoder ist unterhalb von Crieort auf einer Länge von 800 m als Überlaufstrecke ausgebildet. Er wird bei Hochwasser überspült, wenn die Kapazität der Einlassbauwerke nicht ausreicht.

Die ausgedehnten Überflutungsflächen im unteren Odertal haben sich nicht nur als Flächenfilter, sondern auch als wirksamer Hochwasserschutz bewährt, nicht zuletzt bei dem Jahrhunderthochwasser im Sommer 1997. Im Juli war es in Mähren und Oberschlesien innerhalb von 10 Tagen zweimal zu schweren Regenfällen gekommen. Beim ersten Mal waren dort 8–10 Milliarden m³, beim zweiten Mal 4–5 Milliarden m³ Regen heruntergekommen. Dadurch hatte die Oder statt der üblichen 400 m³/sec. die sechsfache Wassermenge zu transportieren. Der Pegelstand bei Hohensaaten erreichte am 31. Juli einen Höchststand von 7,29 m. Anders als am Oberlauf der Oder in Mähren und Schlesien, wo entsprechende Überflutungsflächen weitgehend fehlen, kam es im unteren Odertal zu keinen nennenswerten Schäden. Die Hochwasserspitze wurde von der weitläufigen Auenlandschaft des unteren Odertales aufgenommen, das Oderbruch und stromabwärts Stettin (Szczecin) vor Überflutung geschützt.

Im Abschlussbericht der brandenburgischen Landesregierung vom 31. März 1998 wurden die Hochwasserschäden mit 648 Mio. DM beziffert. Solche sogenannten Jahrhundertüberflutungen können sich künftig nach Auffassung der Bundesanstalt für Gewässerkunde in Koblenz häufiger wiederholen. Im Rahmen der Klimaerwärmung wird bis zum Jahre 2030 die globale Temperatur  um rund zwei Grad steigen und dadurch die Regenmenge in Deutschland um 100 l/m² pro Jahr zunehmen. Die wasserbaulichen Anlagen und das Poldersystem erfordern für ihre Unterhaltung einen hohen personellen und finanziellen Aufwand. Das zuständige brandenburgische Umweltministerium geht von mindestens 800 TDM jährlichen Unterhaltungs- und Betriebskosten aus.

Das Poldersystem wurde in einer Zeit geschaffen, in der jeder Quadratmeter bebaubares Land für die Landwirtschaft benötigt wurde. Nur ein kleiner Teil der wasserbaulichen Anlagen ist für die Sicherung der internationalen Wasserstraße zwischen Berlin und Stettin und für den Hochwasserschutz erforderlich, was sich schon daran zeigt, dass die komplizierte Polderwirtschaft im Gartzer und im Schillersdorfer Polder seit 1945 eingestellt wurde. Unverzichtbar bleibt beispielsweise der Winterdeich östlich der Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße. Die meisten anderen Anlagen, angefangen bei dem die Stromoder westlich begleitenden Sommerdeich bis hin zu den wartungs- und pflegeaufwendigen Einlass- und Auslassbauwerken, den Schöpf- und Pumpwerken und der Krautung der Gräben, sind im Grunde genommen zusätzliche Subventionsmaßnahmen für die örtliche Landwirtschaft.

Auf deutscher Seite waren die wasserbaulichen Anlagen während der DDR-Zeit zwar betriebsbereit, aber lange nicht grundlegend instandgesetzt und erneuert worden. Nach einer zumindest in Umweltkreisen geführten Diskussion, ob es überhaupt sinnvoll sei, die Ein- und Auslassbauwerke nach der Gründung eines Auennationalparks noch zu erneuern, wurden – da Geld in Deutschland ja keine Rolle spielt – nach und nach alle Ein- und Auslassbauwerke völlig neu und modern gebaut, auch wenn sie perspektivisch vielleicht gar nicht mehr genutzt werden. Immerhin lassen sich so bei überraschenden Frühlings- oder Sommerhochwassern die Polder vor Überflutung schützen. Aber eigentlich ist diese Millioneninvestition ziemlich sinnlos ausgegeben worden. 

Spätestens nach dem Sommerhochwasser 1997 wurde beschlossen, alle Winter- und auch Sommerdeiche zu erhöhen und zu verbreitern, obwohl sie während dieses spektakulären Hochwasserereignisses im Nationalparkbereich nicht gefährdet waren. Für den Winterdeich östlich der Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße macht das aus Hochwasserschutzgründen für die Bevölkerung westlich der Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße vielleicht Sinn, ist aber bei der Ertüchtigung und Unterhaltung der Sommerdeiche ziemlich sinnlos. Die sind sogar für einen wirklichen Auennationalpark eher hinderlich. Bleiben die Ein- und Auslassbauwerke ganzjährig offen, wird ihre, den natürlichen Auenprozess störende Wirkung allerdings etwas reduziert.

Im Ergebnis wurden alle wasserbaulichen Anlagen im unteren Odertal in den letzten 25 Jahren seit der Wiedervereinigung auf den neuesten technischen Stand gebracht.

Auf der polnischen Seite wurde die Polderbewirtschaftung bereits nach Kriegsende eingestellt. Polen verfügte auch ohne die Polderflächen über ausreichend landwirtschaftliche Nutzflächen. Zwar sind die Sommerdeiche des Zwischenoderlandes größtenteils noch erhalten, die Ein- und Auslassbauwerke und die Schleusen dagegen nicht mehr funktionstüchtig. Sie stehen dem natürlichen Überflutungsgeschehen ganzjährig offen.

Die Zuständigkeiten im Bereich der Wasserwirtschaft des unteren Odertals sind kompliziert. Neben dem Bundeswasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Eberswalde sind das Landesumweltamt, Abteilung Gewässerschutz und Wasserwirtschaft, die Untere Wasserbehörde der beiden betroffenen Kreise Uckermark und Barnim und der Wasser- und Bodenverband „Welse“ zuständig.

WasserwirtschaftNaturnahe Wasserbewirtschaftung

Ohne Frage hängt die Zukunft des Auennationalparks Unteres Odertal von der Qualität und der jahreszeitlich unterschiedlichen Menge des Oderwassers ab, oder allgemeinverständlicher formuliert: Ein Auennationalpark ohne Wasser ist wie ein Oktoberfest ohne Bier! Der Nationalparkverein sah von Anfang an seine Aufgabe darin, für möglichst naturnahe Wasserverhältnisse im unteren Odertal zu werben. Seinem jahrelangen Drängen ist es zu danken, dass ab 2015, also immerhin 20 Jahre nach der Nationalparkgründung, wenigstens im Fiddichower Polder (10) das kosten- und energieintensive Abpumpen des Wassers durch die Nationalparkverwaltung eingestellt wurde, ein erster Erfolg! Immerhin stand diese Forderung bereits im 1999 verabschiedeten Pflege- und Entwicklungsplan und war durch eine vom Land Brandenburg in Auftrag gegebene und finanzierte wasserwirtschaftliche Machbarkeitsstudie ausdrücklich als machbar und sinnvoll qualifiziert worden. Der Nationalparkverein hatte seine Forderung mit einer intensiven Landerwerbsstrategie untersetzt, die es ihm ermöglichte, alle Nutzer auf die vertraglich zugesicherte Bereitschaft zu verpflichten, ohne Regressforderungen auch natürliche Wasserverhältnisse zu akzeptieren. Spätestens mit der vorläufigen Besitzeinweisung im Namen der Unternehmensflurneuordnung im Sommer 2013, die praktisch den gesamten Fiddichower Polder (10) als Wildnisgebiet (Zone I) plant und dem Nationalparkverein zuweist, gab es nun wirklich keinen Grund mehr, weiterhin das Wasser aus dem Auennationalpark herauszupumpen.

Von naturnahen Wasserbedingungen ist aber selbst der Fiddichower Polder (10) noch weit entfernt, da die Ein- und Auslassbauwerke weiterhin am 15. April eines jeden Jahres geschlossen werden und sich ein danach eventuell noch ansteigender Wasserstand in der Oder nicht mehr im Fiddichower Polder (10) abbilden kann; das Wasser bleibt also ausgesperrt. Der Nationalparkverein kämpft weiterhin für seine Forderung, entsprechend dem Pflege- und Entwicklungsplan und der wasserwirtschaftlichen Machbarkeitsstudie des Landes Brandenburgs die Ein- und Auslassbauwerke im Fiddichower Polder (10) ganzjährig offen zu lassen.

Noch naturschutzfeindlicher ist das Wasserregime im Criewener-Schwedter Polder (A/B) gestaltet. Dort werden wie schon zu sozialistischen Zeiten die Ein- und Auslassbauwerke am 15. April eines jeden Jahres geschlossen und erst im November wieder geöffnet. Ab dem 15. April wird darüber hinaus auch das bis dahin  nicht auf natürliche Weise abgeflossene Wasser aus den Poldern abgepumpt. An diesem alten Regime hat sich trotz 20 Jahre Nationalpark überhaupt nichts geändert.

Als Begründung dient die Landwirtschaft, die im Sommerhalbjahr möglichst niedrige Wasserstände für eine möglichst effektive Landwirtschaft benötigt.

Allerdings überzeugt dieser Ansatz immer weniger. Die letzten Jahre zeitigten durchschnittlich weit unter 400 ml Jahresniederschlagsmenge im unteren Odertal. Auf längere Sicht läge man mit diesen Durchschnittswerten bei einer Klimawandel bedingt ansteigenden Durchschnittstemperatur unter der Waldfähigkeit. Auch die landwirtschaftlichen Erträge würden ohne künstliche Bewässerung sinken, nur noch trockenheitsresistente Kultursorten kämen in Betracht. Von daher ist das gewohnheitsmäßige Abpumpen des Wassers aus der Landschaft doppelt dämlich. Der Umdenkungsprozess bei den Verantwortlichen und Zuständigen geht aber äußerst langsam und zäh von statten.

Aber auch aus Naturschutzgründen ist das Leerpumpen des einzigen deutschen Auennationalparks durch den Leiter der zuständigen Nationalparkverwaltung nicht länger zu vertreten. Wenn das Wasser ausgesperrt bleibt und gleichzeitig die Hälfte der Fläche aus der Nutzung genommen wird, so entwickeln sich auf den aufgelassenen Flächen keine naturnahe Auenlandschaft, sondern hässliche und artenarme Monokulturen eutropher Pflanzengesellschaften, beispielsweise der Brennnessel (Urtica). Solche verwilderten Flächen sind keine guten Botschafter der Nationalparkidee und auch schädlich für den Artenreichtum, beispielsweise der Vögel, die ja früher, als noch extensiv bewirtschaftet wurde, reichlich brüteten und nun keine Nist- und Futtermöglichkeiten mehr finden. Gerade die Vögel brauchen das Wasser in der Brutzeit, beispielsweise die Trauerseeschwalbe (Chlidonias niger), die Weißbartseeschwalbe (Chlidonias hybrida) und die Weißstirnseeschwalbe (Sterna striata). Während die Trauerseeschwalben von engagierten Mitgliedern des Naturschutzbundes Schwedt mit künstlichen Nisthilfen versorgt werden, brüten die anderen Seeschwalben nur in wasserreichen Jahren und auch nur solange bis abgepumpt wird. Sie stehen stellvertretend für viele andere Wiesenbrüter. Sie benötigen das Wasser auch als Schutz gegen die zahlreichen Raubtiere, die im Nationalpark nicht mehr gejagt werden dürfen und sich ohne Überschwemmungen rasant vermehren; dann kommt kein Bodenbrüter mehr hoch. Hinreichende Wasserstände reduzieren nicht nur den Raubtierbestand, sie erschweren auch unerwünschten Nestbesuch.

Der Nationalparkverein wird sich daher weiterhin sehr energisch dafür einsetzen, dass entsprechend dem Pflege- und Entwicklungsplan zumindest im Fiddichower Polder (10) die Ein- und Auslassbauwerke ganzjährig geöffnet bleiben und im Criewener-Schwedter Polder (A/B) die Tore erst zum 31. Mai eines jeden Jahres geschlossen werden.

Wasserqualität

Der Bau von neuen Kläranlagen im Einzugsbereich der Oder und die Stilllegung einiger umweltbelastender Industrien im Odereinzugsgebiet haben zu einer abnehmenden Schadstoffbelastung des Oderwassers und der vom Oderwasser überfluteten Polder geführt, insbesondere mit Schwermetallen. Dennoch sind die Belastungen der Böden im Überflutungsbereich wie in den Nasspoldern immer noch sehr hoch. Entsprechend der aktuellen Untersuchungen hat das Wasser in der Oder, in der Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße und in den Poldergewässern eine mittlere Qualität.

OderausbauPapierfabrik

Die Oder ist bis auf zwei kleinere Wehre in Schlesien eine der letzten großen, noch nicht quer verbauten Flüsse Mitteleuropas. Das liegt auch daran, dass sie hinter der mährischen Pforte als Tieflandfluss nur noch wenig Gefälle aufweist. Da die Oder aber anders als der Rhein nicht gletschergespeist ist, bleibt die Schiffbarkeit der Oder von den Niederschlägen im Odereinzugsgebiet, insbesondere im Riesengebirge abhängig. Das führt dazu, dass die Oder an wenigen Tagen wegen Hochwasser und an vielen Tagen wegen Niedrigwasser nicht schiffbar ist. Deshalb wurde gerade von polnischer Seite immer wieder Interesse an einem Oderausbau geltend gemacht, verbunden mit der Hoffnung auf eine EU-Finanzierung, aktuell wieder durch die nationalkonservative Regierung in Warschau. Die deutsche Seite zeigt sich dagegen deutlich reservierter. Nach langen Verhandlungen wurde am 27. April 2015 das bilaterale „Abkommen über die gemeinsame Verbesserung der Situation an den Wasserstraßen im deutsch-polnischen Grenzgebiet“ unterzeichnet. Ziel dieses Abkommens ist es, künftig die Hochwasserabflussverhältnisse an der Grenzoder zu optimieren, stabile Fahrwasserverhältnisse insbesondere für den Einsatz der deutsch-polnischen Eisbrecherflotte sicherzustellen und die Fahrt von Küstenmotorschiffen zwischen dem Hafen Schwedt und der Ostsee zu ermöglichen.

Zur Finanzierung der Maßnahmen in Polen wurde am 23. Juli 2015 vom Exekutivdirektorium der Weltbank ein Kredit in Höhe von 460 Mio. € (Gesamtvolumen 1.202 Mio. €) für das Odra-Vistula Flood Management Project (P147460) mit einer Laufzeit bis zum 15. Dezember 2023 genehmigt. Eine genaue Beschreibung der geplanten Maßnahmen findet sich im Artikel Maier, S. und C. Wolter (2015): Entwicklungen und Planungen zur Stromregelung und zum Hochwasserschutz an der mittleren und unteren Oder, In: Vössing, A. (Hrsg.) Nationalpark-Jahrbuch Unteres Odertal (12), 183-191, Nationalparkstiftung Unteres Odertal, Schloss Criewen, Schwedt / Oder.

Bei diesen geplanten Baumaßnahmen geht es keineswegs nur um eine Verbesserung der Schiffbarkeit der Oder, sondern auch um eine vollständige Instandsetzung der seit dem Ende des 2. Weltkrieges aufgelassenen wasserbaulichen Anlagen im heute polnischen Zwischenoderland (Gartzer Polder, Schillersdorfer Polder). Angeblich sollen diese sehr teuren Maßnahmen lediglich einer Verbesserung des Naturschutzmanagements dienen, de facto aber ermöglichen sie eine Wiederinbetriebnahme der seit 70 Jahren aufgelassenen Polder für landwirtschaftliche Zwecke. Im Kern geht es offenbar – wenn auch nicht offen zugegeben – darum, die natürlichen Sukzessionsflächen des nunmehr polnischen Zwischenoderlandes wieder in die einträchtige EU-Agrar-Flächenförderung zu bekommen. Das Land gehörte bis 1945 deutschen Kleinbauern, wurde dann im Sozialismus enteignet und ist nun der Besitz des polnischen Staates. Naturschützer auf beiden Seiten der Grenze halten diese geplanten, sehr teuren Baumaßnahmen für Geldverschwendung und für naturschutzfeindlich.

Auf deutscher Seite hingegen sind aktuell die früheren Planungen, für die es sogar schon ein Planfeststellungsverfahren gab, was dann aber abgebrochen werden musste, aufgegeben worden, die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße auf 4,50 m zu vertiefen und auf 55 m zu verbreitern. Da diese Wasserstraße mitten durch den Nationalpark, vor allem auch mitten durch die Totalreservate im Fiddichower Polder (10) führt, wären damit schwere Eingriffe in das Auengebiet verbunden gewesen. Im aktuellen Bundesverkehrswegeplan-Entwurf 2016 sind diese maximalen Ausbaupläne auch nicht mehr enthalten. Die Wasserstraße zwischen Berlin und Stettin (Szczecin) kann übrigens schon heute mit Großmotorschiffen (GMS) befahren werden, ab dem Hafen Schwedt auch mit kleineren Küstenmotorschiffen. Dazu müsste lediglich die das polnische Zwischenoderland durchschneidende Klützer Querfahrt vertieft werden. Im oben genannten deutsch-polnischen Abkommen hat sich die deutsche Seite verpflichtet, die Finanzierung dafür auch auf polnischem Gebiet zu übernehmen.

Hochsee-Hafen Schwedt

Der neue Schwedter Hafen ist schon heute, spätestens aber nach der Vertiefung der Klützer Querfahrt, für kleinere Küstenmotorschiffe erreichbar. Die Papierfabriken in Schwedt hatten einen gewissen Bedarf geltend gemacht. Allerdings war bei früheren Planungen immer darauf geachtet worden, dass Küstenmotorschiffe nur bis zum Hafen Schwedt und nicht etwa zu den wenige Meter südlich gelegenen, eigenen Bollwerken der Papierfabriken fahren können. Aber gerade dieser direkte Anschluss wäre den Papierfabriken wichtig, um kostenaufwendige, zusätzliche Umladungen mit allen Gefahren von Beschädigungen zu vermeiden. Vor allem die Stadt Schwedt legt aber großen Wert darauf, um den nach wie vor hochdefizitären Hafen in die Nähe der Gewinnzone zu bringen. Der neue, völlig überdimensionierte Schwedter Hafen war mit sehr hohen Subventionen am Rande des Nationalparkes aus dem Boden gestampft worden, ist bis heute aber defizitär wegen fehlender Tonnage und wird von den Schwedter Stadtwerken aus wirtschaftlich ertragreicheren Bereichen quersubventioniert. Die meisten Erträge des Hafens stammen auch nicht aus dem Umschlag, sondern von den im Hafengebiet angesiedelten Industriebetrieben. Der Nationalparkverein hat schon zu Beginn der Hafenplanungen öffentlich darauf hingewiesen, dass diese unwirtschaftliche Investition auf Jahrzehnte hinaus subventionsbedürftig bleiben würde. So ist es dann auch gekommen.